MARICA BODROŽIĆ

 

 

LET THEM NOT SAY * Jane Hirschfeld

 

Let them not say:   we did not see it.

We saw.

 

Let them not say:   we did not hear it.

We heard.

 

Let them not say:   they did not taste it.

We ate, we trembled.

 

Let them not say:  it was not spoken, not written.

We spoke,

we witnessed with voices and hands.

 

Let them not say:   they did nothing.

We did not-enough.

 

 

Let them say, as they must say someting:

 

A kerosene beauty.

 

It burned.

 

Let them say we warmed ourselves by it,

read by its light, praised,

and it burned.

 

 

"This poem was written well before todays Presidential Inauguration and without this event in mind. But it seems a day worth remembering the fate of our shared planet and all its beings, human and beyond."

 

Jane Hirschfeld, 20. 1. 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Der kristalline Stoff der Dichtung

Über Emily Dickinson

 

Die Durchdringung des eigenen Inneren ist keine Abkehr von der Welt, sondern strenggenommen der einzige wirklich gültige Weg zu ihr. Hat das Emily Dickinson gewusst als sie ihre Gedichte schrieb? Ich kann es mir nicht anders vorstellen, denn genau das habe ich von ihr und ihrem inneren Blick gelernt. Was daraus folgt, ist ein alles veränderndes Sehen. Lange Zeit hat man angenommen, Emily Dickinson sei weltfremd gewesen und habe sich nicht für ihre Zeit und die Außenwelt interessiert. Doch nicht nur die Luzidität ihrer Sprache zeugt von wahrnehmender Teilhabe. Selbst wenn die Spiegelung ihrer Zeit in dem einen oder anderen Gedicht ein Zufall sein sollte, so ist dieser nur deshalb möglich, weil er ihr seelisch nah war. Zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges etwa schreibt sie über ihr lyrisches Ich: „My life had stood – a Loaded Gun“. Ein Leben, das wie eine geladene Pistole stillsteht, kann selbst bei einer Dichterin der kosmischen Spekulation keinem rein sprachlichen Zufall geschuldet sein. Damals schon gab es fotografische Dokumente vom Bürgerkrieg, es waren die ersten ihrer Art. Können sie einer so wachen Frauen entgangen sein?

Was man ihre Weltabgewandtheit genannt hat, ist ihre nach Innen gerichtete Wahrnehmung, eine weitumfassende synästhetische Leuchtkraft, die sich bis zum Schluss nicht vereinnahmen ließ. Für mich ist sie das Inbild eines modernen Klassikers, der noch heute unser Sehen ändern kann. Lange bevor Friedrich Nietzsche seinen „Zarathustra“ in die Welt aussandte, ist Emily Dickinson mit ihren Worten der eigenen inneren Leuchtspur gefolgt, hat sich den Grenzen der Wahrnehmung ausgesetzt, ohne an ihnen zugrunde zu gehen. Das ist eine sehr moderne, kraftvolle Art, sich vom Erkannten verändern zu lassen. Am Ende hat sie sich vollständig mit jener  Stille angefreundet, aus der heraus ihre Gedichte entstehen konnten. Joyce Carol Oates hat sie wohl auch deshalb „die große Dichterin des ungreifbaren Raumes unserer Seele“ genannt. Das ist vielleicht gerade heute in unserer materialistischen Zeit mehr denn je eine Provokation. Emily Dickinson war eine subtile Poetin. Sie ist kryptischer geblieben als ihr großer amerikanischer Dichterbruder Walt Whitman, mit dem das Visionäre sie verbindet. Wir müssen ihre Verse heute noch entschlüsseln. Sie erinnern uns an den metaphysischen Bewusstseinsstrom in der Prosa von Virginia Woolf. Dickinsons Verse sind nur leichtfüßiger, leiser - wie fallende Schneeflocken. Auch ist sie bescheidener als ihr Zeitgenosse Ralph Waldo Emerson, beide waren sie konsequent auf der Suche nach dem Transzendenten.

Immer wieder ist von den Bienen in Dickinsons Gedichten die Rede, wenn sie z.B. über den weltlichen Ruhm nachdenkt. Er sei eine Biene, er habe Gesang, aber auch einen Stachel und fliege doch auch davon. Das ätherische Flirren ihrer Formulierungen kommt aus einer konkreten Erfahrung in der Welt. Dickinson selbst hat zu Lebzeiten auf alle äußeren Ehrungen verzichtet. Sie wusste, wovon sie sprach. Damit hat sie auch etwas unserer Zeit vorweggenommen. Sie ist, sehr ähnlich wie die schwedische Malerin Hilma Af Klint, eine bewusst zurückgezogen lebende Pionieren des Geistigen gewesen. Während wir noch immer dem Konstrukt eines orthodox gedachten Ichs hinterher rennen, hat Dickinson, die 1830 in Massachusetts zur Welt kam und dort 1886 starb, schon damals gewusst, dass die geistigen Strömungen der Zeit, in der ein Mensch lebt, nicht in seinem Ich, sondern in seinem Selbst gespeichert werden. Diese seelische Chiffre benutzt sie weise und zielgerichtet als Sprachgefährt, um auf die andere Seite der Welt zu kommen und sie wieder, vom Unsichtbaren her, nicht nur zu beschreiben, sondern von dort neu zu betreten. Folgerichtig vollzieht sich die Verschmelzung mit dem Geschauten. Das innere Auge ist geboren. Das Imaginäre ist für sie nicht ohne das Innere denkbar, von dem sie einmal sagte: es sei ein wilder Ort. Dickinson wollte aus dieser Ermächtigung heraus die Welt vielleicht nie verstehen, sondern war fähig und frei genug, ihr ihre Rätsel zu lassen. Dafür liebe ich, für diese unerhörte Befähigung, sich der Ewigkeit zu vergewissern, ohne ihr zum Opfer zu fallen. Sie kam nicht „Jahrhunderte zu spät“, wie es einmal in einem ihrer Gedichte heißt. Sie wusste, dass der innere Kern des Menschen „Fluchtmomente“ genauso wie Augenblicke des Empfangens in sich trägt. Seismographisch genau hat sie beidem Raum geschenkt in ihrer großzügigen Sprache. Man hat über Emily Dickinson gesagt, sie sei nicht in der Lage „zu argumentieren, sondern nur zu sehen“. Was für ein Glück für uns alle! Emily Dickinson gibt ein Sehen in die Welt, das durch sein bloßes Vorhandensein wiederum die Welt verändert. Die Dichterin Helga Dolittle gehört zu den ersten, die in den 50er Jahren genau das erkannt hat als sie über Dickinsons Verse wie über eine Droge schrieb: „Really very nice crystalline stuff.“  Emily Dickinson war in ihrem Eigensinn vielleicht jenem Paradies näher als wir alle, von dem keiner so schön wie Heinrich von Kleist geschrieben hat. „Doch das Paradies“, heißt es bei ihm, „ist versiegelt und der Cherub hinter uns.“ Emily Dickinsons Gedichte zeigen uns mehr denn je, wie wir, an einem einzigen Ort lebend, eine Reise um die Welt machen und sehen können, ob das Paradies vielleicht doch von hinten irgendwo offen ist.

 

 

Literaturhinweise:

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Gunhild Kübler.

1403 Seiten, Hanser Verlag 2015

Emily Dickinson: Wilde Nächte. Ein Leben in Briefen. Übersetzt von Uda Strätling.

432 Seiten. S. Fischer Verlag 2011

Susan Howe, My Emily Dickinson. New Direction Book, 2007

 

Radiobeitrag für den Bayerischen Rundfunk

Sendung vom Dezember 2015 

© Marica Bodrožić 

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Künstler können unterschieden werden in solche, die ihre eigene Welt gestalten, und solche, die die Realität reproduzieren. Ich selbst gehöre zweifelsohne zur ersten Gruppe. 

 

Andrej Tarkowskij, Die versiegelte Zeit

 

 

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Unsere Träume sind nicht nur als "unsere" untereinander verbunden, sondern bilden auch ein Kontinuum, gehören einer einheitlichen Welt an, so etwa, wie alle Erzählungen von Kafka in "Demselben" spielen.

 

Theodor W. Adorno, Traumprotokolle 

 

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You do not know

What wars are going on

Down there, where the spirit meets the bone

 

 

Lucinda Williams, Compassion

 

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Emily Dickinson * This quiet dust was gentleman and ladies

 

This quiet dust was gentleman and ladies

And lads and girls;

Was laughter and ability and sighing

And frocks and curls;

 

This passive place a summer's nimble mansion,

where blooms and bees

Fullfilled their oriental circuit,

Then ceased like these.

 

 

 

 

 

 

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Ruth Klüger: »Dieses Land, das für die schlimmsten Verbrechen verantwortlich war, hat heute dank der Großzügigkeit für Flüchtlinge den Beifall der Welt gewonnen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind.«

 

"... ich glaube, dass die Notwendigkeit schwerer wiegt als die Gefahren. Deutschland ist zudem reif genug, diese Menschen zu integrieren - und notfalls rote Linien zu ziehen."

 

Ruth Klüger

Januar 2016

 

 

 

 

 

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"... la révolte est notre mystique, synonyme de dignité. Mais quel-que chose a changé depuis la crise endémique. Pour la première fois dans l'histoire, nous nous apercevons qu'il ne suffit pas de remplacer les anciennes valeurs par des nouvelles. Il n'y a pas de "solution" parce que toute solution (le free market, la consummation, la sécurité, l'hyperconnexion), qui devient une "valeur" et prétend remplacer les anciens remèdes (la charité, la lutte des classes), se fige à son tour en dogmes et impasses, potentiellement totalitaires. Sous la pression de la technique, de l'image et de l'information, nous oublions que l'etre parlant est véritablement vivant à condition d'avoir une vie psychique. (...)

 

En somme, avant de faire la révolution dans la cité, faisons la révolution en nous-meme!"

 

Julia Kristeva - Pour une refondation de l'humanisme

 

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I and the public know

What all schoolchildren learn,

Those to whom evil is done

Do evil in return.

 

W.H. Auden

 

 

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Alle Poesie ist supranational - Plädoyer für eine neue Kultur des Teilens

 

Äußere Grenzen sind Abbilder innerer Grenzen, mehrfach gebrochene mentale Spiegelungen, die unsere Welt zu einem hochkomplexen Netzwerk aus Haltungen, Einstellungen, regionalen Identitäten und kollektiven Systemen seelischer und intellektueller Art machen. Auf den Einzelnen bezogen, erzählen sie uns, wie sich unser Denken auf unsere Handlungen auswirkt. Jeder Mensch kann, beginnend bei seinen Lebensorten und Lebensbewegungen, eine innere Landkarte zeichnen und dabei erkennen,  wie sein persönliches Leben und seine Zeit miteinander gekoppelt sind. – Das ist das Epizentrum von Literatur. Der Erzähler ist immer der Einzelne, der, einmal denkend und sprechend, sein Leben in den Raum der anderen stellt und sich damit notwendigerweise verletzbar macht. Aber gerade Begrenzungen, Wunden und die daran geknüpften Bewusstseinsprozesse führen uns zu einem anderen Sehen.

Grenzen sind nicht grundsätzlich schädlich, sie beschützen auch und stellen Integrität her, wenn wir etwa von jenen Grenzen sprechen, die unsere Länder und Regionen markieren, sie verschaffen uns Orientierung für unsere Freiheit. Es gibt auch natürliche Grenzen wie Flüsse, Berge, Seen und Meere. Gleichsam von allein tragen sie dazu bei, dass sich eine ganz spezifische Form von verfeinerter Kultur und Mentalität entwickeln kann. Zwischentöne, Fußnoten, Ergänzungen – sie sind Kraftfelder, die Sprache und Denken überhaupt erst ermöglichen. Jede Bewegung löst eine andere Bewegung aus. Dafür bedarf es aber eines  konkreten Ausgangspunktes. Literatur zeigt exemplarisch und symbolisch, dass das schön ist, weil auch das Leiden darin einen Platz hat. Dieser besondere Platz des Einzelnen ist legitim und muss vom Gegenüber gewürdigt sein. So entsteht Treue zu sich selbst, die späterhin Veränderung möglich macht. Das gilt gleichermaßen für Individuen wie für Regionen. Ein Mensch, der sich selbst und seine eigene Zeit versteht, wird auch anderen als denkendes Wesen begegnen können, vielleicht sogar intuitiv erfassen, warum es auch in unserer begrenzt zivilisierten Welt nicht nur offene Türen, sondern auch „Grenzen der Gastfreundschaft“ gibt, wie sie die Kulturanthropologin Heidrun Friese in ihrem gleichnamigen, hochaktuellen Buch beschreibt – es handelt von den Bootsflüchtlingen von Lampedusa und von der damit verbundenen europäischen Frage. Frieses Forschungen zeigen, wie unser soziales Denken, das wir zu unserem kulturellen Kollektivhabitus gerne mit gutem Gewissen vor uns hertragen, von unseren konkreten Möglichkeiten im Handeln abweicht.

Nur wenn wir von reiner Zweckmäßigkeit zu einem supranationalen Bewusstsein übergehen, können wir neue Räume in unserem Denken erobern. Sie werden uns den Weg zu einem neuem Handeln weisen und zu neuen Strukturen führen, die wir alle noch nicht kennen. Auch das können wir von der Literatur und ihrer Vielfalt lernen, sie geht pionierhaft und seismographisch unserem Bewusstsein voraus. Literatur ist ein beweglicher Denkraum. „Bewege dich, so wirst du schön“, so hat es einmal der Wiener Schriftsteller Peter Altenberg gesagt. Bewegung erfordert Mut, denn jede Veränderung hinterlässt eine namenlose Lücke, schafft aber auch Platz für etwas Neues, das sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass wir es noch nicht denken können. Dennoch ist die Lücke da. Und sie braucht nichts so dringend wie unideologische Leser! 

Europa muss sich weiter entwickeln und dazu durchringen, schnell und effizient auf die Krisen und Nöte unserer Zeit zu reagieren und Werte wie Vertrauen und Ehrlichkeit in den öffentlichen Raum zurückholen. Was wir heute unsere Zeit nennen, ist längst in ein neues Zeitalter übergegangen, vielleicht bereits am Ausklang des letzten Jahrhunderts, als im ehemaligen Jugoslawien der Neunziger Jahre zum ersten Mal seit Auschwitz auf europäischen Boden wieder Lager und Folterungen möglich wurden, Kriegsverbrechen im unerhörten Ausmaße bis hin zum versuchten Völkermord. Europa wurde damals schon in ganz neuer Form aufgefordert, Friedensgarant zu sein und für jene zu Grabe getragene Menschlichkeit einzustehen, im Namen all jener, die sich damals wie heute – gleich welcher Religion, Nation oder sozialer Herkunft – Europäer nennen. Schnelles und friedfertiges Denken setzt eine im Kern vorhandene Besonnenheit voraus. Dafür muss der politische Handlungsraum Europas noch transnationaler ausgerichtet sein, noch flexibler und unideologischer werden und an den Schnittstellen zwischen Not und Würde Strukturen schaffen, mittels derer gleich geholfen und nicht erst diskutiert wird. Wenigstens diese Lehre müsste aus der Belagerung Sarajevos und der derzeit überall um sich greifenden Not gezogen werden. Das setzt eine Kultur des Teilens voraus, die selbstverständliche Bereitschaft, sich in den anderen, den Notleidenden, den Verfolgten und Belagerten, den Ausgebombten, den Bootsflüchtling und den von einer Naturkatastrophe Heimgesuchten hineinzuversetzen und ihm nicht mehr nur als weitentfernter Zuschauer zu begegnen. Jeder von uns kann in die Lage geraten, von einem ähnlichen Schicksal heimgesucht zu werden. Unser Zeitalter, das sich immerzu im Ausnahmezustand befindet, zwingt uns förmlich dazu, eine neue Ära des Teilens einzuleiten. Grenzen in unserem Denken mögen uns hierbei nur scheinbar eine Weile beschützen, was die derzeit oft politisch geäußerte Sehnsucht nach den sicheren alten Zeiten erklären kann, die in einer Zeit der maximalen Unsicherheit hochgradig idealisiert werden.

Literatur schafft neue innere Denkmuster, Literatur ist wirklicher als die Wirklichkeit. Wir können aus dem unermesslichen Fundus der Weltliteratur lernen, dass wir alle früher oder später in die Lage geraten können, die Grenzen unserer eigenen Großzügigkeit und eben auch Gastfreundschaft zu sehen. Wir werden diese Grenzen weiten müssen, wenn wir selbst am beschützten Raum teilhaben wollen. Dieser Raum verbindet uns alle und er gehört uns allen im gleichen Maße wie er uns verpflichtet, ihn zu bewahren und im Sinne des Friedens für ein größeres Wir auszuweiten. Das geht nicht, wenn wir ihn nur für uns selbst beanspruchen. Was „am Rande“ des Nationalstaates, am Rande Europas geschehe, so Heidrun Friese, eine der derzeit wichtigsten Stimmen der deutschen Kulturanthropologie, sei schon längst in das Zentrum Europas gerückt. Wenn wir in einem nicht nur habituell vor uns hergetragenen sozialen Europa leben wollen, dann ist jetzt jeder Einzelne sein Zentrum und darf, ja muss, Europa mit seiner politischen Stimme und mit seinem Denken aktiv mitgestalten.

Die meisten Menschen in unseren westlichen Demokratien schlafen einen tragischen Tiefschlaf (ich bin mir fast sicher, dass die meisten von ihnen keine Leser sind). Sie sehen in den Nachrichten, dass anderswo Blut für die Freiheit vergossen wird, glauben aber immer noch, dieses Blut habe nichts mit ihnen zu tun. Es ist aber das Blut und die Not aller. Jede Freiheit wird teuer bezahlt, das ist der Preis dafür, sobald wir in sie eintreten. Nur wenn wir das Leiden mit einem transnationalen und wieder menschlichen Blick sehen, können wir verstehen, dass unsere Welt untrennbar mit allem und allen verbunden ist. „Gedanken sind Handlungen“– Nietzsches legendärer Satz ist längst unsere Realität geworden. Zum Denken und Nachdenken kommen wir nur in uns selbst, keine Partei, keine Organisation, keine Nation kann uns das abnehmen. Zeitgleich müssen wir lernen, zuerst zu betrachten und dann zu handeln, in dem Sinne, in dem Hannah Arendt jenes Pythagoras-Wort auf den öffentlich-politischen  Raum anwendet: letztlich bekommt derjenige das Wesentliche mit, der zuschaut. Nur so entsteht Verstehen, so kann jeder denkend und empfindend den Raum des Anderen betreten und begreifen, dass Leid und Hunger universell sind – sie haben keinen Pass, keine nationale Identität. Von Nietzsche ist auch der Satz überliefert, dass wir das stärken, was wir bekämpfen. Das gilt für alles, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken und erst recht für den umgekehrten Fall: wir stärken mit der Kultur des Teilens unser kostbarstes Gut - den Frieden. Unser Kampf muss geistig sein. Seine Waffe ist unser Mitgefühl und unser Bewusstsein. Nirgends ist es besser geschult als an der Literatur, die uns schon seit jeher zu verstehenden Einzelwesen macht. Und vielleicht löst sich gerade in unserer Zeit jenes Wort von Goethe ein, der einmal zu Eckermann sagte, die Poesie sei ein Gemeingut der Menschheit, sie trete überall und zu allen Zeiten in Hunderten und Aberhunderten Menschen hervor. Das aber kann nur dann auch im Politischen geschehen, wenn der Einzelne sich seiner selbst bewusst wird und sein Bewusstsein, seine Schönheit und seine Zerbrechlichkeit auf würdevolle Weise mit den anderen teilt.

 

© Marica Bodrožić

Oktober 2014

 

Dieser Text ist in einer stark gekürzten Fassung am 3.10.2014 im Tagesspiegel erschienen

 

  

 

 

 

 

 

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Meine «Hohenburg»-Reise 

Über ein Gedicht von Georg Trakl

 

Wenn sich jeder Verweis auf Menschliches in eine innere Zeit zurückzieht, dann bleibt

der Sprache nur noch das Licht als Ort. Und das L(ich)t wird notwendigerweise umgehend Verweigerung, die Brücken zum äußeren Sinn stürzen erst leise, dann mit

verstörender Vehemenz ein. Dieses nachdrückliche Sich-Entziehen ist hier so tiefgründig leise, dass es unheimlich ist, die Worte sind unbehaust in sich selbst, sie haben nichts zu klären. In der Sprache wird das Schweigen wie eine Wand zwischen der greifbaren äußeren und der geahnten inneren Welt errichtet. Es entsteht ein inneres Flimmern, das „ein Träumendes“ vergessen lässt, wer es in der irdischen Welt ist, auf dem Papier, als Name kommt es nicht vor. Fast scheint es, dass es nicht einmal mehr das Denken gibt – wie sich also erinnern? Nur der Tönende hat Mut „mit purpurnen Armen“ seinen Stern zu umfangen. Das Schloss Hohenburg nahe Innsbruck, in dem Georg Trakl einige Male zu Gast war, verwandelt sich in einen supra-ätherischen Raum, der Außen und Innen soweit verbindet, dass sie sich „ferne dem Getümmel der Zeit“ gegenseitig aufheben. Aber was entsteht an ihrer Stelle? Es ist ein alles andere als zerbrechlicher, aber betörend unbeweisbarer Ort, der – obwohl er sich auflöst – im Gedicht und in mir an Gestalt gewinnt, bis wir eins werden, und das ist doppelt beunruhigend. Je weiter die Worte sich vorwagen, desto mehr verwandeln sie den Innenkern des Innenkerns. Die Tiefe des Begreifens wird nur in der sprachfernen (lichternden) Reise sichtbar, als ein Unterwegssein zur Quelle, in der etwas Neues entsteht (oder dazustößt – „als Silberstimme des Windes“). Mein eigenes L(ich)t stirbt freiwillig, bessergesagt, es wird ganz im Verschmelzen. Das Paradoxon lebt, weil sich alle Fragen aufheben und dennoch das Bestehende wie das Neue selbsttätig in mir erfragt wird. Wie kommt der Herbst in die Zimmer? Und wie ist sie im hellwach Träumenden entstanden, die „mondeshelle Sonate“? Der Urpunkt aber bleibt für mich das „weiße Antlitz des Menschen“, von dem aus die Wortplaneten und Satzstraßen Teil meiner Lunge, Teil meiner Luft und zum pulsierenden Energiezentrum dieses Gedichts werden. Doch auch wieder nur, um sich ein eigenes Element zu schaffen, zeitgleich ist es vollkommene Berührung mit dem Nichts und mit dem Ganzen. 

 

© Marica Bodrožić

Erschienen in: "Trakl und wir. Fünfzig Blicke in ein Opal", Herbst 2014, Stiftung Lyrikkabinett